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{Mittwochsgast}...Inklusion – die Wahrheit einer Lehrerin

Dies wird heute ein Artikel, in dem es um mein Berufsleben geht und darum, wie alle unsere Kinder zukünftig beschult werden sollen. Dies ist ein Artikel, der kontrovers und sicherlich negativ behaftet ist. Ich betone, dass der Artikel zwar in vielen Punkten Fakten aufweist, aber die meisten Ansichten aus meiner persönlichen Meinung und Erfahrung entspringen und es durchaus viele Experten gibt, die das ganze Thema sicherlich ganz anders sehen, als ich.

Inklusion – was ist das?
„Inklusive Pädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität (=Vielfalt) in Bildung und Erziehung ist. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Verb includere (=beinhalten, einschließen, einsperren, umzingeln) ab. Befürworter der Inklusion betrachten Heterogenität als ‚normale‘ Gegebenheit“[1]

Anders ausgedrückt: Inklusion will, dass ALLE Kinder egal ob schwarz, weiß, gelb oder grün ;), krank oder gesund, behindert oder nicht behindert die gleichen Lernchancen bekommen und gemeinsam die gleiche Schule und die gleiche Klasse besuchen dürfen. Das Gesetz hierzu tritt in diesem Jahr in Kraft, weswegen es im Schulsystem gerade große Umbrüche gibt.

Erster Impulsgedanke:
Wer die „Definition“ (das schreibe ich deshalb in  Anführungszeichen, weil des soviele davon gibt, dass man kaum noch durchblickt, weswegen ich der Einfachheit halber mal die naheliegendste von Wikipedia genommen habe) liest, der denkt als erstes:
Mensch Klasse! Unterricht / Schule frei nach dem Gedanken der Menschenrechte: Jeder Mensch ist gleich, keiner soll wegen seine Herkunft, Religion, Rasse, seines körperlichen oder geistigen Zustandes be-/ver- urteilt werden. Der erste Gedanke ist, dass das eine tolle Welt sein muss, in der jeder gleich behandelt wird und keiner sich schlechter fühlen muss, als ein anderer. ABER: Die REALITÄT in der Schule sieht anders aus!


Die Realität in (meiner) Schule:
Ich arbeite an einer sogenannten Vorreiter-Schule. Wir arbeiten also schon seit über zwei Jahren am „Pilotprojekt Inklusion“. Somit ist das, was ich berichte nun ein Bericht, der in zwei Jahren Beobachtung entstanden ist und nicht das „Angstgefühl“, das aufkommt, wenn wir als Kollegium daran denken, was passieren wird, wenn das neue Gesetz in Kraft tritt.
Als die Inklusion bei uns begann, war das wie so vieles, was man neu beginnt: Ein neues Projekt, dem mein Kollegium voller Tatendrang entgegen sah.
Dadurch, dass wir uns für die Vorreiterrolle gemeldet hatten, wurden wir personell super gut aufgestellt: 
Das reguläre Kollegium wurde fortan von zwei Förderschullehrerinnen unterstützt. Außerdem eine weitere, die stundenweise zur Unterstützung kam.
Außerdem haben wir (unabhängig von der Inklusion) an unserer Schule noch eine gesonderte Unterstützung durch zwei weitere Fachkräfte, die ich aus datenschutztechnischen Gründen nicht weiter beschreiben möchte.
In der Umsetzung verlief es zunächst recht gut. Durch die Förderschullehrerinnen hatten wir in Kooperation mit den Kindergärten schon vor dem Schuleintritt die Möglichkeit, Kinder genauer „unter die Lupe“ zu nehmen, „Diagnosen“ zu stellen und schon vor dem Schuleintritt Fördermaßnahmen durchzuplanen. Wir waren personell so aufgestellt, dass wir eigentlich immer mit zwei Lehrerinnen in einer Klasse waren und unsere Klassenstärken wurden stark herunter gebrochen, sodass es an unserer Schule eigentlich niemals dazu kommen würde, dass in einer Klasse 30 Kinder mit einer Lehrerin sitzen würden.
Mit dem Schuleintritt der ersten lernbehinderten Kinder bemerkten wir, dass es nach dem ersten halben Jahr doch zu großen Schwierigkeiten führt, diese Kinder im Klassenverband zieldifferent zu unterrichten. Die lernbehinderten Kinder hatten immer wieder ein negatives Gefühl!
-          Wieso schaffe ich die Aufgaben der anderen Kinder nicht?
-          Wieso bekomme ich von vorn herein andere Aufgaben, als die anderen Kinder?
Von dem Effekt dessen, was Hänseleien, Spott und „Mobbing“ betrifft, muss ich euch nichts erzählen. Ihr alle wisst, wie gemein Kinder sein können und wie schnell sie „raus haben“, wenn jemand „anders“ ist.
Wir konnten all das aber gut auffangen, weil wir ja zumindest zu zweit waren. Wir hatten somit die Möglichkeit, dass die schwachen Kinder in einer Kleingruppe in anderen Räumen unterrichtet wurden. Dies wurde dann bei uns zur Praxis, was aber dem Grundgedanken der Inklusion wieder vollständig entgegensteht.
Die Kinder wurden somit nicht anders behandelt, als wären sie doch auf der Förderschule, die es ja nicht mehr geben soll, aber mit sehr viel WENIGER Förderung, da es ja auf unserer Regelschule, eben nur stundenweise möglich war, die Kinder so zu fördern, wie sie es eigentlich verdient hätten.

Hintergrundinfos:
Damit man versteht, in welchem Klientel ich arbeite hier mal beispielhaft meine derzeitige Klasse, in die ich nach meiner Elternzeit kam:
-          20 Kinder (7 Mädchen, 13 Jungen)
-          Von den 20 Kindern 4 deutsche Kinder, ansonsten Kinder mit Zuwanderungsgeschichte vorwiegend aus der Türkei, Marokko, Russland.
-          2 Kinder mit diagnostiziertem Förderschwerpunkt Lernen (früher hätte man gesagt, die beiden sind Lernbehindert)
-          7 „alte“ Lernschwache Kinder. Also 7 Kinder, die eigentlich schon in der 3. Klasse wären, aber die zweite Klasse aufgrund ihres Lernstandes wiederholen (mussten).
-          Zu den 7 „alten“ schwachen, kommen noch drei „neue“ schwache hinzu.
-          2 Kinder mit Förderschwerpunkt „E-S“, was so viel heißt wie „emotional-sozialem Förderbedarf“. Früher hätte man gesagt „verhaltensgestört“ oder etwas harmloser „schwer erziehbar“
-          3-4 Kinder, die tatsächlich Leistung erbringen möchten, sie anstrengen und dabei auch noch unauffällig in ihrem Verhalten sind.
-          Bleiben 5-6 Kinder, die einfach schlichtweg keine Lust haben, wegen ihrem sozialen Hintergrund wenig gelernt haben, zuzuhören oder Respekt vor Erwachsenen zu zeigen.
-          Und last but not least: EINE (!) Lehrerin, die all diesen Kindern zeitgleich gerecht werden soll.

Was passierte dann?
Es kam eigentlich, wie es kommen musste: Die Situation wurde für alle schlechter:
Eine Förder-Kollegin wurde schwanger und bekam ein Berufsverbot und schwups sank die Förderung für alle Kinder erheblich. Wir Klassenlehrer waren wieder mit den Kindern allein, da noch weitere Personalprobleme behoben werden mussten. Und was dann noch zum eigentlichen Problem wird, folgt jetzt:


Was ist das Problem / an was denkt die Politik?
Wenn in der Politik Pläne für die Inklusion gemacht werden, dann denken die Politiker immer an das gehbehinderte Kind, was gemeinsam mit den anderen Kindern am normalen Unterricht teilnehmen soll. – Ein schöner Gedanke, der je nach Kind durchaus Sinn macht. Dafür ist es natürlich baulich erforderlich, dass es in der Schule für dieses Kind möglich ist, barrierefrei am Unterricht teilzunehmen. Für diese Kinder werden aber keine „Förderschullehrer“ gebraucht.
Das ist die einfachste Variante. Die zweite Variante, an die gedacht wird, ist dass auch Kinder mit Lernschwäche am Unterricht der Regelschule teilnehmen sollen, was dann schon problematischer wird und ohne entsprechende personelle Unterstützung durch Förderschullehrer nicht zu stemmen ist.
Die Variante, die eigentlich (zumindest nach meiner Kenntnis) nie / zu wenig / zu schwammig zur Sprache kommt, ist die Anwesenheit der Kinder, die einen Förderschwerpunkt im emotional-sozialen Bereich haben. Denn: Was hier vergessen wird ist:
1.      Diese Kinder sprengen den GESAMTEN UNTERRICHT. Eines dieser Kinder reicht, damit, in einer Klasse kaum mehr richtiger Unterricht möglich ist.
2.      Diese Kinder sind oft (aber nicht immer) gefährlich. Und mit gefährlich meine ich Gefahr für Leib und Seele der anderen Kinder und auch der Lehrer.
3.      Für diese Kinder kommen keine speziellen Förderschullehrer, es hat uns keiner je gesagt, wie man mit ihnen umzugehen hat. Es gibt zu wenige Fortbildungen, die wirklich etwas taugen und vor allem ES GIBT ZU WENIG PERSONAL.
Wie soll eine Lehrerin der Situation alleine Herr werden, in dem das ES-Kind ausrastet und mit Stühlen auf andere Kinder losgeht und Tische um tritt. In dem Moment ist es eigentlich schon mal grundlegend erforderlich, dass der Unterricht für die anderen Kinder weiterläuft. denn es darf ja heutzutage kein Unterricht mehr ausfallen (hahaha;).  Das kann man per se also schon mal vergessen. Dann ist es notwendig, dass das ES-Kind festgehalten wird, um sich selbst und vor allem die anderen Kinder zu schützen. Außerdem ist es notwendig, dass ein zweiter Kollege da ist, der dann die Eltern informiert und die anderen Kinder weiter beaufsichtigt, bis das ES-Kind abgeholt wurde. Aber halt!!! Den zweiten Kollegen gibt es nicht! Also muss ich, die ja gerade dieses Kind mit aller Kraft festhält (und haltet mal einen 10 -jährigen, der voller Adrenalin ist und fast so groß ist, wie ihr fest!) mit dem Kind die Treppen runter, um die Eltern anzurufen! Dafür werden dann 19 andere Kinder unbeaufsichtigt in der Klasse zurück gelassen! – In dieser Zeit läuft KEIN Unterricht weiter.
Außerdem: Das ES-Kind wird nun (wie schon drei mal in der Woche) von den Eltern abgeholt. Zu Hause tanzt es den Eltern genauso schlimm auf der Nase herum, wird nicht gefördert, geht nicht zum Psychologen oder bekommt sonstige Hilfe.
In 99 % aller Regelschulen gibt es aber personell auch niemanden, der für die Förderung genau DIESER Kinder zuständig ist, weswegen sich das Verhalten nicht ändern wird und ein Teufelskreis entsteht. Im schlimmsten Fall entsteht eine Aussummierung des Ganzen. 
Neues Problem – noch weniger Personal:
Der Politik fiel dann jetzt endlich mal auf, dass ja für die Umsetzung der Inklusion anderswo das Personal fehlt. Also wurden zwei unserer drei Förderschullehrerinnen abgeordnet und müssen anderswo ihren Dienst tun. Wir haben also weniger  und noch weniger Personal für mehr Förderkinder. Das macht ganz viel Sinn, wie ihr sicherlich merkt ;)
Was bedeutet all das für uns Lehrer?
Mein  Grundgefühl ist, dass ich jedes Kind individuell nach seinen Bedürfnissen fördern möchte! Das  ist schlichtweg nicht möglich, weil dafür in 45 Minuten- Unterrichtsstunden alleine mit 20 Kindern nicht die Zeit bleibt. Das macht uns unzufrieden. Immer wieder trachten wir nach Verbesserung und Optimierung unseres Unterrichtssystems, aber uns fehlt für die Umsetzung ein zweiter Kollege im Klassenzimmer, andere Räumlichkeiten (Räume, wo die Kinder sich in kleinen Gruppen zusammensetzen können) und ZEIT. Zeit im Unterricht und Zeit in der Vorbereitung. Mein Tag hat nur 24 Stunden, wie der eines jeden Anderen auch! Ich müsste mich eigentlich um meinen Haushalt und meine Familie kümmern, einen vollständigen Unterrichtstag absolvieren und anschließend für den kommenden vollständigen Unterrichtstag für 6 Unterrichtsstunden in verschiedenen Fächern für jedes Kind ein einzigartiges, eigenen Arbeitsblatt erstellen, was genau dem Lernstand dieses Kindes entspricht, damit das Kind optimal auf SEINEM Leistungsstand gefördert wird. Das das an sich schon nicht möglich ist, weil die Konzeption eines ertragreichen Arbeitsblattes nicht gerade einfach und für 6 Stunden á  6 unterschiedlichen Fächern á 20 unterschiedlichen Kindern für mich allein nicht machbar ist, dürfte einleuchten. Erschwerend käme hinzu, dass ich ja täglich die Lernstände der 20 neu diagnostizieren müsste, was nochmal etliche Stunden benötigen würde.
Ergo: Man hat immer wieder das Gefühl, dass es immer noch zu wenig ist, wenn man trotzdem ALLES gibt.
Das regelt jeder Lehrer nun irgendwie anders. Ich habe momentan einen ganz guten Weg gefunden, indem ich Arbeitsblätter wenn möglich und nötig in verschiedenen Schwierigkeitsstunden anbiete. Das ist schon mal besser als nichts.
ABER:
Das behebt wieder nicht die oben beschriebene Problematik der ES-Kinder, mit denen viele meiner Kolleginnen und ich maßlos überfordert sind, die wirklich den Unterricht für mich und alle anderen Kinder zeitweise mehrmals pro Woche unmöglich machen.
Das frustriert und raubt Kraft. Ich habe im eigenen Kollegium schon die Erfahrung gemacht, dass aus solchen Extrem-Situationen ein Burnout einer Kollegin entstanden ist. All das wird nun viel mehr auftreten, da es ist, wie so häufig: Die Politik beschließt etwas, ohne sich über die Umsetzung und Folgen ausreichend Gedanken zu machen.

Was bedeutet das für die Kinder?
1.      Lernschwache / Lernbehinderte Kinder, werden in diesem Schulsystem meiner Meinung nach immer das Gefühl haben „schlechte Schüler“ zu sein. Sie werden immer glauben, dass sie schlechter sind, als alle anderen und dass sie das, was die anderen können niemals schaffen werden.
Das ist für mich eine grausame Vorstellung Kinder so groß zu ziehen und ihnen immer wieder mit ihren Defiziten vor den Augen herum zu wedeln. Für mein eigenes Kind würde ich es mir niemals wünschen.

2.      E-S Kinder: Sie tragen häufig ein soooo großes Leid mit sicher herum, was sich in ihren Ausrastern und ihren Aggressionen wiederspiegelt, aber sie laufen in der Schule „nur so nebenher“. Keiner kümmert sich ausreichend, um ihre Förderbedarfe, weil es niemanden gibt, der das kann. Sie erfahren aufgrund ihrer Verhaltensweisen häufig große Ablehnung von Mitschülern und Lehrern. Was wiederum zu einer Verschlimmerung ihrer Probleme führt.

3.      Die „normalen“ oder „guten“ Kinder, kommen leider leider leider zu häufig viel zu kurz. Es fällt aufgrund der GROßEN Problematiken der anderen Kinder häufig viel zu viel Unterricht aus, es gibt keiner Förderangebote für gute Schüler mehr, weil alle Kapazitäten für die Förderangebote der Kinder mit „Auffälligkeiten“ drauf gehen.

Fazit für mich als Mama:
Ich bin sehr froh, dass ich momentan mein Kind noch nicht zur Schule schicken muss! Es wird einiges an Veränderung im System notwendig sein, damit eine Schule entsteht, so wie man sie sich für sein eigenes Kind wünscht.

Fazit für mich als Lehrerin:
Mein Kollegium und ich werden weiterhin ALLES dafür tun, dass für jedes einzelne Kind Schule in akzeptabler Weise möglich ist. Wir hoffen, dass sich politisch und vor allem personell noch einiges tun wird, damit wir qualifizierten Unterricht für alle anbieten können und wir werden alles tun um aktiv darauf hinzuwirken.
So negativ der Artikel hier klingt, so sehr liebe ich die Kinder meiner Klasse und meinen Beruf! Ich werde alles dafür tun, was ich kann!
In diesem Sinne werde ich mich jetzt in meinen 6-wöchigen Ferien mal zwei Wochen in den „Urlaub“ begeben und anschließend wieder täglich an den Schreibtisch setzen, in der Hoffnung, im neuen Schuljahr schon etwas besser zu machen, als zuvor!

PS: Wer Rechtschreib- und insbesondere Kommafehler findet, darf sie gern behalten ;) – Ich hab Urlaub und der ganze Text hier ist nicht gerade emotionslos entstanden. :D:D:D




[1] Entnommen aus Wikipedia.de

Kommentare:

  1. Da sprichst du mir aber aus dem Herzen. So, wie es gedacht ist, kann es nicht funktionieren. Zwar arbeite ich mit älteren Schülern. Aber auch da ist die Spanne im Leistungsvermögen riesig. Und bei Kursstärken von etwa 30 Schülern in der Oberstufe, ist ein Eingehen auf Einzelne einfach unmöglich.
    Ich hoffe, dass die Politiker BALD bemerken, dass es so nicht geht.

    LG Anke

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  2. Hallo,
    ich finde deinen Beitrag sehr interessant... Ich selbst bin keine Lehrerin, sondern Erzieherin im Heimbereich - habe dementsprechend auch mit den verschiedensten Kindern zutun.
    Ich kann deine Argumente sehr gut nachvollziehen und gebe dir auch in fast allen Punkten Recht.
    Jedoch finde ich die Idee der Inklusion sehr Gut und Wichtig! Es hapert einfach an der Umsetzung.. An Geldern... an Personal.. an Zeit... Ich finde, es ist ähnlich wie mit dem Recht auf einen KitaPlatz... eine tolle Idee, aber es fehlt einfach überall an Ressourcen. Ich denke, dass alles braucht viel mehr Zeit und in dieser Zeit eine aktive Vorbereitung.

    Ich selbst hatte damals auch schon eine Inklusionsklasse und wir hatten 3 Kinder mit Förderbedarf. Es war für alle immer selbstverständlich, dass diese dabei sind und es gab keinerlei Mobbing... aufjedenfall nicht aufgrund des Förderbedarfs! Ich denke, dass sich diese "Außenseiterrollen" auch irgendwann auflösen werden, wenn es eben kein "Projekt" o.ä. ist, sondern ganz normal, dass alle Kinder zusammen lernen - quasi, wenn die Kinder und Eltern es nicht anders kennen.
    Ich glaube, Förderbedürftige Kinder sind in "Sonderschulen" der Außenseiterrolle noch mehr ausgeliefert...

    Ich wünsche mir für die Zukunft aufjedenfall mehr Unterstützung für die Lehrer und mehr Überlegtheit ( schreibt man das so?) seitens der Politik!

    Viele liebe Grüße
    JaKu

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  3. hallo
    ich find das super interessant was du zum Thema Inklusion schreibst.
    Ich arbeite auch in einer Schule- ich bin Sozialpädagogin und vorrangig für die Beratung von Schülern, Eltern und Lehrern da.
    Auch an unserer Mittelschule gibt es mittlerweile 4 Inklusionskinder: 1 Kind mit DownSyndrom, 1 Kind ohne Arme, ein autistisches Kind und ein Junge mit massiven Verhaltensschwierigkeiten.
    Was mir besonders bei dem Mädchen mit DownSyndrom aufgefallen ist:
    Das Mädchen hat mittlerweile sowohl intelektuell als auch sozial komplett den Anschluss verloren. Es kann dem Unterricht in den meisten Punkten überhaupt nicht folgen, zudem lernt es nicht das was es für ein selbstständiges Leben lernen müsste. Die Klassenkammeraden befinden sich mittlerweile alle in der Pubertät, haben ihre eigenen Probleme und finden keine gemeinsame Ebene mehr. In der Grundschule haben die Kinder noch mit ihr gespielt, da gabs noch gleiche Interessen. Ich finde es super schade, da das Mädchen obwohl es ein InklusionsKind ist total einsam ist. Für dieses Kind gibts ausser eine Schulbegleitung keine Förderlehrerin. Die Lehrerin muss zusätzlich zum Klassenstoff noch ExtraAufgaben für das MÄdchen erarbeiten- in der gleichen Zeit und ohne dafür ausgebildet zu sein.
    Da passt doch was hinten und vorne nicht....ganz platt gesagt!
    Ich wünsch dir schöne Ferien...wir haben noch 3 Wochen :-) Aber dann bin ich auch urlaubsreif....

    lg luise

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  4. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen!!! Ich bin zwar nicht "vom Fach", aber als Mama einer lieben, zurückhaltenden, guten Schülerin und Tante eines Asperger-Kindes kann ich deine Argumentation voll nachvollziehen. Wäre meine Tochter in deiner Klasse... wir haben Gott sein Dank Glück gehabt, aber das kann sich ja leider schon mit einem auffälligen Kind ändern. Ich wünsche dir viel Kraft und Energiefürs nächste Schuljahr!!!
    LG Nomilinchen

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  5. In "meinem" Elternforum ist die leidige Inklusion immer wieder Thema. Förderschulen werden geschlossen bzw. keiner weiß wohin mit den "besonderen" Kindern. Die Eltern sind verzweifelt, weil ihre Kinder nicht mehr wie bisher auf den Förder-/Sonderschulen optimal gefördert werden. Im normalen Schulalltag gehen viele dieser Kinder einfach unter. Die besonderen/behinderten Kinder leiden und die normalen Kinder leiden zum Teil auch.
    Und wenn man die Inklusion bis zum Ende durchdenkt, müssten ja alle Kinder die selbe Schule besuchen. Auch die gehörlosen, die blinden, Kinder mit körperlichen und geistigen Mehrfachbehinderungen, Kinder mit Downsyndrom oder Hochbegabung. Und noch die ganz normalen, um die kein Hahn kräht. Ich bin froh, dass es noch einige Jahre dauert, bis meine Enkelin zur Schule kommt. Hoffentlich hat die Politik bis dahin eine Antwort auf alle offenen Fragen gefunden. Ich befürchte aber das Gegenteil.
    Dir, liebe Meike, wünsche ich weiterhin viel Kraft.

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  6. Danke! Danke, Danke, Danke!
    Du schreibst genau das, was ich meiner Familie und Freunden schon seit ca. 2 Jahren erzähle! Ich bin noch keine Lehrerin und werde auch erst nach den Sommerferien mein Referendariat anfangen. Aber ich hatte viele Praktika und war mehrere Semester mindestens einmal pro Woche an den unterschiedlichsten Schulen, mit den unterschiedlichsten Umfeldern. Für die Schulen in den "gehobeneren" Wohnvierteln mag alles super sein. Die Schulen sind (Dank großzügiger Spenden an den Förderverein) sehr gut ausgestattet, jede Klasse hat einen Beamer und nach und nach werden Tafeln durch Smartboards ersetzt...
    Dann gibt es die Schulen in sozialschwachen Vierteln. Da trifft eher das zu, was du hier beschrieben hast. Ich habe ein Praktikum über ein ganzes Semester an einer solchen Schule gemacht, mit abschließendem "Blockpraktikum" (2 Wochen jeden Tag, 1.-6. Stunde). Ich war damals Studentin, hatte einen zeitaufwendigen Nebenjob und wurde während des Semesters an den Praktikumstagen wie auch im Blockpraktikum als Ersatzlehrkraft gesehen. Das war keine böse Absicht der Schule! Vielmehr war es ein Hilfeschrei, weil kein anderer Ausweg gesehen werden konnte. Versicherungstechnisch hätte ich nicht als alleinige Lehrperson in der Klasse bleiben dürfen. Es hätte immer eine ausgebildete Lehrkraft dabei sein müssen. Außerdem sollte "mein" Unterricht analysiert und reflektiert werden... Pustekuchen!
    Hab ich trotzdem "was gelernt"? Ooooh ja! Und wie! Dass die Politiker KEINE Ahnung haben, dass das gesamte Konzept ÜBERHAUPT nicht ausgereift ist, dass LehrerInnen NICHT (ausreichend) ausgebildet sind, und dass Studenten im Studium nur die reine Theorie aufgetischt bekommen und immer erzählt wird, wie toll doch Inklusion ist! Inklusion ist ja auch toll, nur nicht in diesem Schulsystem!
    Ich bin schon gespannt auf das, was mich nach den Ferien erwarten wird! So leicht kann mich durch meine Vorerfahrungen nix mehr schocken. Jedenfalls denke ich das im Moment noch! ;)
    Schöne Ferien! :)

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  7. Ein schöner Artikel von dir, vor allem, weil man ihn richtig ernst nehmen kann. Was Politiker erzählen, das mag ich immer schon kaum glauben. Laut denen müssen ja auch Hebammen nicht mehr arbeiten ...
    Dass du so von deinen eigenen Erfahrungen berichtest, ist sehr schön. Ich hoffe, dass sich wirklich noch was ändert.
    Hier in Dortmund gibt es von der Lebenshilfe organisiert Schulbegleitung, ich habe mich da mal beworben. Es gehen dann Studenten oder auch ausgebildete Erzieher etc. mit einem Kind zur Schule und begleiten es dort durch den kompletten Tag, inklusive Pause. Dabei geht es dann auch um Kinder mit allen Einschränkungen, wie du sie beschrieben hast. Das wäre doch für eure Schule auch etwas schönes.

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  8. Wirklich sehr interessant. Wie du schon sagtest, ein schöner Gedanke, aber weiter gedacht wird leider nicht. Meine Schulzeit ist noch nicht sooo lange her und schon vor ein paar Jahren ging vieles drunter und drüber, vom Mobbing vieler Kinder mal abgesehen. Ich denke, das wird sich durch die Inklusion noch verschlimmern. Dank dir höre ich zum ersten Mal von dem Thema, da ich selbst noch kinderlos bin. Aber ich weiß jetzt schon, dass es für mich der Horror sein wird eine geeignete Schule, Tagesstätte etc für mein/e Kind/er zu finden.

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  9. Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde es schön, wie viel Mühe du dir gibst, allen Kindern gerecht zu werden.
    Ich arbeite als Erzieherin in einer privaten KiTa im Ausland und kann viele Sachen sehr gut nachfühlen. Da wir privat sind, brauchen wir jedes Kind, um zu überleben. Wir nehmen somit auch Kinder auf, für die niemand von uns eine passende Ausbildung hat und für die wir eindeutig mehr Personal bräuchten. Somit habe ich immer das Gefühl, dass jemand zu kurz kommt: kümmere ich mich besonders viel um die "besonderen" Kinder, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil die "normalen" (mit fetten Anführungszeichen!) zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Noch einmal in ihrem Leben zu wenig Aufmerksamkeit, dieses Mal nicht von den Eltern, die sie jeden Tag 11 Stunden in die KiTa abschieben, sondern auch noch zu wenig Aufmerksamkeit von mir. Bin ich bei diesen Kindern, fühle ich mich hingegen total gehetzt, denn eigentlich bräuchten ja auch unsere "besonderen" Kinder, noch ihre tägliche Portion Extra-Förderung.... Ein Teufelskreis.

    Aber dir erst mal schöne Ferien, entspann dich so gut wie möglich!

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  10. Hallo,
    ich arbeite an einer "Förderschule für geistig Behinderte Kinder" (die heißt jetzt in unserem Bundesland übrigens -Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung / Förderzentrum -
    In unserer Schule sind in jeder Klasse eine Lehrkraft und eine pädagogische Mitarbeiterin + für manche Kinder stundenweise Therapeuten (Ergo und KG)
    Ich habe zur Zeit 8 Schüler: ein Kind mit Down Syndrom, 2 Autisten (Asperger), 1 Schwerstmehrfachbehindertes Kind im Rollstuhl, 2 stark verhaltensauffällige Kinder (mit Psychatrieerfahrung) und 2 "nur" geistig behinderte Kinder.

    Ich könnte mir bei keinem meiner Schüler nur im Ansatz vorstellen, dass sie in einer Regelschule bestehen geschweige denn "überleben" würde. Die Rahmenbedingungen wie große Gebäude, große Schüleranzahl, zuviele Fachlehrer (die jeden Einzelnen gar nicht genau kennen können), etc. stimmen schon nicht....
    ... ich bin Momentan froh, dass es unsere "Förderschule" noch gibt, denn zum Einen sichert es mir meinen Arbeitsplatz (würde ich in einer Regelschule arbeiten, würde meine Arbeitszeit auf mehrere Schulen gesplittet, da jedem inklusiven Kind nur 5 Std. pro Woche an Förderunterricht zusteht. ?!?!)
    und auch für meine Schüler ist unsere besondere Schule ein richtig guter Lernort. Es muss sich sehr viel tun, bis wir alle inklusiv leben. Das darf sich nicht nur auf die Schule ( hier sogar nur in der grundschule) beschränken.

    Wie du siehst, es ist auch für mich ein sehr emotionales Thema.
    Ganz lieben Gruß
    Pin Pong

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  11. Ja, vielen Dank! Ich finde den Beitrag nicht negativ, sondern in meinen Ohren klingt er sehr besorgt und zwar in alle Richtungen. Meine Kinder sind schon seit 6 Jahren aus der Schule heraus (zum Glück!), aber ich verfolge die Diskussionen immer noch. Weil sie ja ein Thema sind, das die ganze Gesellschaft angeht. Was tun wir unseren Kindern, Eltern und Lehrern nur an?
    Natürlich brauchen die erwähnten ES- Kinder besondere Aufmerksamkeit und mein Gedanke dazu ist immer, dass wir nicht gleich machen sollten, was nicht gleich ist! Jedes Kind sollte uns gleich viel "wert" sein, aber nach seinem Bedarf gefördert und gefordert werden. Ich bin kein Pädagoge und habe auch nichts studiert, aber meine zwei super verschiedenen Kinder haben mich das gelehrt.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft, Ausdauer, Geduld und Stärke für dein restliches Arbeitsleben!

    Katja

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  12. Liebe Meike,
    Danke für deinen Post! Ich finde ihn auch sehr aufschlussreich und alles andere als negativ behaftet. Ich kann mich meinen Vorschreiberinnen nur anschließen: tolle Idee, sch**** Umsetzung. Aber vor allem unterschreibe ich im letzten Kommentar auch den Satz: nicht alles gleich machen, was nicht gleich ist und jeder sollte gleich viel Wert sein.
    Ich wünsche dir erstmal einen schönen erholsamen Urlaub und weiterhin viel Kraft und Engagement in deinem Beruf.
    Viele Grüße
    Karin

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  13. Liebe Meike, ich steh ja nun am Ende meiner Zeit als Lehrerin & bin seinerzeit angetreten in der Gesamtschule mit dem Ziel Chancengleichheit für alle. Damals gab es in der Politik noch Menschen, die vom Fach waren & sich interessiert haben. Jetzt heißt es nur noch auf Schulaufsichtsebene: Lassen sie sich was einfallen, sie sind doch die Experten! Mehr Unterstützung gibt es nicht mehr.
    Ach, ich könnte so viel dazu schreiben, aber es ist jetzt schon spät...
    Mir tun die Kinder leid. Und die Lehrer auch, denn ich merke ja auch, wie alt & verbraucht ich nach 39 Jahren bin...
    Ich glaube, da müssten die Eltern einfach mehr auf die Barrikaden gehen und sich nicht mit solchen Wortklingeleien verarschen lassen.
    Dir persönlich wünsche ich viel Kraft & schöne Ferien!
    Astrid

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