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Wie ich schon berichtet hatte, war ich am Wochenende auf der diamantenen Hochzeit meiner Großeltern.
60 Jahre Seite an Seite, in guten wie in schlechten Zeiten, bis das der Tod sie scheidet.
Besonders schön fand ich die Predigt des Pfarrers. Er sprach davon wie schwer es uns heutzutage fällt "zu bleiben", zu erkennen wo ein Wandel notwendig ist und wo es sich lohnt dran festzuhalten.
Wir leben in einer Zeit und einem Land in dem wir alle Möglichkeiten haben, es gibt kaum eine Tür die verschlossen ist, 1000 mögliche Wege, immer wieder neue Angebote die uns locken.
Auf der einen Seite ist das großartig, man kann sich frei entfalten und seinen eigenen Weg gehen, aber es kann auch schnell beängstigend wirken.
Schon jung muss man Entscheidungen fürs Leben treffen: Was will ich studieren/lernen? Wo will ich Leben? Will ich ins Ausland?
Und hat man dann einen Weg gefunden muss man fragen ob man ihn wirklich gehen kann: Wie wird es sein wenn die Eltern auf einmal hunderte Kilometer entfernt wohnen? Werde ich Anschluss finden? Was ist mit meinem Partner den ich zurücklasse?
Geht man den Weg aber nicht, hat man trotzdem Zweifel ob man es nicht später bereut.
Besonders verwirrend sind diese vielen Möglichkeiten wenn es um die Liebe geht. Zu Zeiten meiner Großeltern suchte man sich den Partner noch in der Umgebung, im Dorf oder im Nachbarort, die Auswahl war zwar begrenzt, aber man fand doch meistens den passenden Deckel, auch wenn man mal Kompromisse eingehen musste.
Heute aber stehen einem durch das Internet Millionen neuer Partner zur Verfügung und Kompromisse sind eigentlich nicht mehr nötig. Man hat die Qual der Wahl und muss sich entscheiden was einem am wichtigsten ist. Der eine sieht gut aus, aber der andere hat die gleichen Interessen, ein dritter ist besonders kinderlieb und der vierte verdient gut.
Hat man dann den vermeintlich Richtigen gefunden geht es aber trotzdem weiter mit der Unsicherheit, über Kleinigkeiten wird gestritten, man zweifelt an der Partnerwahl und trennt sich, wenn es mal etwas zu mühsam wurde, weil es doch irgendwo jemanden geben muss der noch besser zu einem passt, der nicht die Socken im Wohnzimmer liegen lässt, mit dem es nicht so schnell langweilig wird, bei dem es noch im Bauch kribbelt.
Meine Mutter (die mit Papa am Freitag ihren 33. Hochzeitstag feiert) hat mir immer gesagt ich soll niemals den 100%igen Mann suchen, denn den gibt es nicht, aber auch mit einem 90%igen kann man ein wunderschönes Leben haben.
Mein Nils ist ein 90%-Mann, wir lieben uns und wir streiten, wir haben viel gemeinsam und doch ergänzen wir uns in unseren Unterschieden.
Ich hatte irgendwie immer lange Beziehungen in den letzten 10 Jahren und musste mir oft die Frage gefallen lassen ob ich nicht was verpassen würde. Warum ich lieber einen Abend mit meinem Partner verbringe anstatt feiern zu gehen, warum ich nicht ins Ausland gegangen bin nach dem Abi, warum ich "schon" nach einem Jahr mit Nils zusammengezogen bin.
Früher haben mich solche Fragen auch etwas verunsichert, aber heute habe ich einen ganz einfachen Trick wenn ich zukunftsweisende Entscheidungen treffen muss: Ich schließe die Augen und stelle mir mein Leben in 10, 20, 30 Jahren vor; was will ich bis dahin erreicht haben, wo bin ich und wer ist an meiner Seite und wie würde ich mich fühlen wenn das nicht eintreten würde.
Natürlich kann ich jetzt noch nicht sagen ob in in den nächsten Jahren nicht doch meine Meinung ändere oder ob Entscheidungen ein böses Ende nehmen, das ist mir in der Vergangenheit auch schon öfters passiert, aber trotzdem würde nicht anders machen, ich bereue keinen Schritt den ich gegangen bin, egal wie schmerzhaft es manchmal endete.

Ich wünsche euch allen, dass ihr wisst zu unterscheiden wann es sich lohnt zu bleiben und wann nicht, dass ihr die Kraft habt auch große Hindernisse zu überwinden und das ihr -sofern ihr das wollt- glücklich und gesund die silberne, goldene und vielleicht noch diamantene Hochzeit feiern könnt!

Kommentare:

  1. Das hast du sehr schön geschrieben. Ich mach gerade mein Abi und alles ist irgendwie in der Schwebe. Dein Artikel zeigt mir, dass ich mit solchen Gefühlen nicht alleine bin und munter wirklich auf, denn jetzt muss ich viele solcher Entscheidungen treffen. Danke dafür!
    Liebe Grüße,
    Franzi

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  2. Puzelbaum vorab ueber die 'Dinosaurier-Ehe(n)' Deiner Lieben und meine innigsten und herzlichsten Glueckwuensche an beide 'Sets' !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Ausserdem:
    Mensch, 'Maedel', glaubst Du, dass Du mit Deinen schon '100 Jahren an Weisheit' ueberhaupt noch aelter werden kannst?! ;-) :-) ;-D

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

    Habe mich auch in einen '90 %igen' verschossen - vor allem, weil man soooo schoen mit ihm streiten kann, ohne dass die Welt (+ Ehe) gleich in die Brueche geht! Hatte/habe zwar auch keine Garantie auf die Laenge der Beziehung, aber Ende d.J. selbst 25 Jahre geschafft zu haben, wird hier in Australien auch schon als 'Dinosaurier-Ehe' betrachtet! ;-)

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  3. Wunderbarer Text! Ich fühle mich manchmal wie ein Alien unter den ganzen gleichaltrigen, feierwütigen "Ich muss mich erstmal austoben"-Menschen. Die schiefen Blicke auf meine fast 5-jährige Beziehung, die begann als ich 18 war und kein Ende in Sicht, inklusive.
    Aber du hast Recht. Zu bleiben ist eine Herausforderung! Eine sehr schöne, wie ich finde.
    Und ich freue mich drauf, wenn mein Liebster und ich mit 80 im Schaukelstuhl sitzen und ich sagen kann: Zum Glück habe ich dich so früh gefunden und musste mich nicht erst durch den Urwald der Idioten schlagen :)

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  4. Danke - toller Text und die bisherigen Kommentare sind auch super.

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  5. Danke für diesen tollen Artikel!
    Vor einem Jahr hab ich ziemlich verzweifelt da gesessen, weil ich eigentlich geplant hatte für ein Jahr ins Ausland zu gehen und sich dann plötzlich herausstellte, dass der von mir angehimmelte Herr ebenfalls Interesse für mich hegte. Im Nachhinein bereue ich nichts, wir wohnen nun zusammen und ich habe Hoffnungen, dass dies auch noch eine lange Weile so bleibt. Auf die diamantene Hochzeit! :)

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  6. Su sprichst mir aus der Seele.
    Jeder muss seinen eignen Weg gehen egal wie einfach oder schwer es wird.
    WIR haben jetzt beschlossen das ich nach meinem Studium nach Wilhelmshaven zu meinem Freund ziehe, da ich dort auch 1-2 Möglichlichkeiten gefunden habe zu arbeiten. Es sind zwar noch 1,5 Jahre aber die werden Wir auch noch schaffen (Wenn Wir schon 4 Jahre geschafft haben) Und "spätestens" dann werden Wir uns nie wieder Sonntagabends verabschiedn müssen <3

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  7. Der Text gefällt mir sehr, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Auch ich bin nach einem Jahr mit meinem Liebsten direkt mit ihm zusammen gezogen und ich bereue es in keinster Weise! Und auch wenn er "nur" 90% ist, auch ich bin keine 100%, aber zusammen sind wir unschlagbar <3

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  8. Nun, ich bin mit meinem Mann nach 5 Monaten in eine fremde Stadt und gleich zusammengezogen. Mit gerade noch 18 und direkt nach dem Abi. Es war schwer und anstrengend, aber hat sich gelohnt. Ich habe studiert. Das war aber nicht meins. Er war bei mir und hat mich bei meinen Entscheidungen gestützt. Ich habe eine anstrengende Ausbildung gemacht. Er war da. Kurz vor den Prüfungen wurde ich schwanger. Nach kurzem Überlegen heirateten wir nach bestandener Prüfung. Der Junior wächst und gedeiht. Nach seinen Prüfungen ging es für uns auf die andere Seite Deutschlands. Und auch hier hatten wir den ein oder anderen Streit über Anpassung, Freundschaften und Veränderungen. Aber wir waren zusammen. Ich fand einen Job direkt mit Ende der Elternzeit. Es wurde wieder anstregend. Jetzt: Steht er wieder kurz vor den abschließenden Prüfungen, ich bin im 3. Monat schwanger. Wir sind 7 Jahre zusammen und drei davon verheiratet. Wenn ich das schreibe, fühl ich mich unsagbar alt.
    Eine Beziehung zu führen ist Arbeit. Aber es lohnt sich. Und Liebe ist erlernbar und erhaltbar wie Freundschaft auch. Wenn man sich von dem Gedanken des ständig "Verliebtseinmüssens" und den großen Emotionen verabschiedet, bleibt Vertrauen, Nähe, das Gewohnte, der Freund - und natürlich auch der Liebhaber. Wenn ich an einer Weggabelung stand, die Frage aufkam ob mit oder ohne ihn, stellte ich mir die Frage, ob ich auf all das verzichten könnte - die Antwort sollte klar sein ;-)

    Liebe GRüße und danke für deinen Text,
    Pauline

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  9. Der Text ist wirklich sehr schön geschrieben. Ich finde deine Ansichten sehr schön, auch wenn ich persönlich ganz andere Erwartungen habe. Aber so ist ja jeder unterschiedlich und genau das ist doch das schöne..
    Ich wünsche dir, dass du auch weiterhin mit deinen entscheidungen glücklich sein kannst ;)

    http://irgendwomittendrin.blogspot.de/

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  10. Kleine Ergänzung.. der Text einer Bekannten von mir. Wunderschön und sehr passend :)

    Love
    by Amy Smith on Tuesday, 5 April 2011 at 17:23 ·

    Love is a temporary madness, it erupts like volcanoes and then subsides. And when it subsides you have to make a decision. You have to work out whether your root was so entwined together that it is inconceivable that you should ever part. Because this is what love is. Love is not breathlessness, it is not excitement, it is not the promulgation of promises of eternal passion. that is just being in love, which any fool can do. Love itself is what is left over when being in love has burned away, and this is both an art and a fortunate accident. Those that truly love have roots that grow towards each other underground, and when all the pretty blossoms have fallen from their branches, they find that they are one tree and not two.

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  11. Schön, dass ich so viele von euch mit meinen Worten aus der Seele sprechen konnte :-)

    @ygritte: Du hast recht, das ist wirklich wunderschön geschrieben!

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