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Systemfuck

Wie viel Freizeit braucht der Mensch? oder Wo hört Müdigkeit auf, wo fängt Burnout an?

Ich lag heute morgen hellwach im Bett, der Wecker klingelte schon zum zweiten mal, aber alles in mir sträubte sich aufzustehen. "Zu viel" ging mir immer wieder durch den Kopf.
Wenn ich nicht schlafen kann erstellt mein Kopf seitenlange Listen mit Dingen die ich noch unbedingt tun muss und jeden Tag kommen ein paar neue dazu, während ich keine Zeit habe auch nur einen einzigen Punkt abzuarbeiten.
Zur Zeit habe ich in der Uni "nur" 30 Semesterwochenstunden, dazu kommen aber noch 10 bin 20h Arbeiten und -laut Modulplan- mehr als 30h pro Woche Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen.
Das ist extrem viel wenn man das alles durchzieht, das kann man einfach nicht.
Aber leider fängt es ja schon viel früher an.
Teilweise gehen die Kinder schon mit 5 1/2 in die Grundschule, dort haben sie Druck möglichst gut zu sein um aufs Gymnasium zu können, wo es dann wiederum Förderklassen gibt, in denen man ein Jahr überspringen kann und natürlich die neuste tolle Idee: Abitur nach nur 12 Jahren.
Als ich vor 4 Jahren (mit 19 1/2) mein Abi machte, war die Jüngste in meinem Jahrgang gerade 16 geworden, und damit eine absolute Ausnahme. Ich befürchte in 10-15 Jahren ist man als 19jährige Abiturientin die Ausnahme.
Und was bringt das dann? Ausgepowerte, unentschlossene Abgänger, von denen die meisten restlos überfordert sind wenn es darum geht sich zu entscheiden welchen Lebensweg sie einschlagen wollen, kein Wunder, dass viele erst einmal ein Jahr Pause machen und um die Welt reisen oder ein soziales Jahr machen.
Danach kommt die tolle Zeit des Studiums.
Die Studienzeit wird von vielen Abgängern (vor Bachelor/Master) noch als tolle Zeit ohne Verpflichtungen, stattdessen mit viel Party und schlafen bis Mittags beschrieben. Klar kann man das immer noch so machen, aber bekommt man z.B Bafög, zieht sich der finanzielle Strick um die Gurgel sobald man länger als die Regelstudienzeit studiert.
Manche Hochschulen oder Universitäten sind sogar so gut organisiert, das man Prüfungen nur im SS oder im WS nachschreiben kann, sprich, man darf direkt mal 2 Semester überziehen. *argh*
Wenn dann noch andere Dinge dazu kommen, zum Beispiel der Wunsch einen Master-tauglichen Notenschnitt zu halten (oft 2,2), ein Jahr ins Ausland zu gehen oder nur nebenher etwas zu arbeiten oder sich sonst wie zu engagieren, dann balanciert man 6/7 Semester am Abgrund zum Burnout.
Dieser Balanceakt hat mich auch heute morgen wieder in ein Dilemma geführt. Geh ich jetzt für 4 Stunden in die Uni und hör mir Sachen an, die ich mir dank Skript eigentlich auch selbst erschließen kann, oder bleibe ich zuhause und schalte einen Tag ab und arbeite ein paar Dinge meiner Liste ab, bevor ich morgen und übermorgen wieder arbeiten gehe.
Wie ihr seht, habe ich mich (mit einem riesigen schlechten Gewissen) für Letzteres entschieden. Aber ein fauler Tag wird das heute trotzdem nicht. Auf mich wartet noch ein Referat, Hausputz und lernen. Wenn ich das erledigt habe bleibt hoffentlich noch etwas Zeit für die schönen Seiten des Lebens: nähen und basteln und einfach mal zur Ruhe kommen.
Freizeit im Hörsaal

Kommentare:

  1. Ja, das ist schon ziemlich heftig! Ich habe mit 16 Jahren meine Mittlere Reife gemacht & musste mich mit 15 Jahren schon für meine Ausbildung bewerben. Mit 15 Jahren hat man allerdings viele anderen Sachen im Kopf, da will man sich nicht schon dafür entscheiden als was man den Rest seines Lebens arbeiten will. Im nachhinein bin ich zwar ganz zufrieden mit meiner Arbeit & auch mit meiner Ausbildung, aber man hat ja schon von der Schule & den Eltern den Druck, was man denn nach der Schule macht...

    Zu Burnout: Meine Mutter war anfang des Jahres ca. 3 Monaten deswegen in einer Klinik. Sie ist zwar "nur" Hausfrau, aber sie trägt trotzdem für 2 kleine Kinder & einen jungen Hund die Verantwortung, dann noch der Haushalt - das wurde dann wohl irgendwann zuviel... Das Burnout-Syndrom sollte also nicht unterschätzt werden! Und lieber mal einen Tag Nichtstun bzw. kleinere Aufgaben erledigen & einen Gang zurückschalten.
    Genieß den Tag! Und öfters zwischendurch mal durchatmen :)
    Alles Gute!
    Liebsten Gruß
    Nadja

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  2. Wieder einmal ein toller Beitrag! Großes Lob.
    Und ich glaube, du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, dass du heute mal einen Tag die FH FH sein läßt. Ein wenig ausgeruht kann man doch wieder viel leichter seinen Pflichten nachgehen.
    Übernehm dich nicht!

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  3. Stimme mit dir völlig überein.
    Man nimmt Kindern die Kindheit und die Zeit zur Ausbildung des Charakters. Man sieht ja wo das hinführt.
    Du hast dich absolut richtig entschieden. Ein freier Tag lässt den Gedanken mal Zeit abzuschweifen oder in den Tag zu träumen. Ich erinnere mich jetzt noch an die Zeit, als ich als Kind stundenlang auf der Schaukel saß und vor mich hinträumte.
    LG
    Petra

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  4. Ich kann dich soo gut verstehen! Diese Party-Fraktion verstehe ich nicht, ich hab überhaupt nicht die Zeit zum Feiern! Ich bin an der Uni, dann im Zug nach Hause und dort lerne oder arbeite ich. Letzte Woche habe ich so viel gearbeitet, dass ich weder zum Lernen, noch hier daheim zum Putzen kam. Als ich Sonntagabend von der Arbeit nach Hause kam, um mich direkt danach an ein Referat zu setzen, hab ich mich auch gefragt, wie das weitergehen soll.

    Es ist einfach Wahnsinn, wie viel man in viel zu wenig Zeit schaffen soll. Studentenleben ohne Verpflichtungen? Schön wär's!

    Ich wünsche dir, dass du es heute schaffst, wenigstens ein bisschen runterzufahren und abzuschalten, um neue Kraft zu sammeln.

    Viele liebe Grüße

    Pony

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  5. Ist aber auch wieder typisch ein Wort für das Versagen des Menschens zu finden, sei es Depression oder der Burnout, statt sich das Versagen des Systems einzugestehen, bzw einen Schritt weiter zu gehen und zu sagen, das System muss verändert werden!

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